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Seitensprung - Artikel von Jochen Bast auf lexi-tv.de PDF  | Drucken |  E-Mail
"Jeder Mann, der sich sein Leben lang mit einer Frau begnügt, wäre jenseits der Naturgesetze, wie jemand, der sich ausschließlich von Salat ernährte," meinte einst Guy de Maupassant.
Nun soll es ja wirklich Leute geben, die sich von Salat ernähren. Und ihre Zahl wächst stetig - Rinderwahn und verseuchtem Mastmittel sei Dank. Doch wie ist das mit dem Manne, der sich ein Leben lang mit ein und derselben Frau vergnügt? Ist so ein Individuum genauso "wider die Natur" wie ein Vegetarier? Und vor allem: Was sagt die Frau dazu, nur einem Gespielin zu sein?


Das fremde Ei im Nest


Glaubt man den Statistiken, steht Treue ganz oben bei den wichtigsten Werten einer Beziehung. Jedoch, wenn beim Aufwachen mal ein anderes Gesicht aus den Kissen strahlt, wäre das aus naturwissenschaftlicher Sicht plausibel, wenn nicht sogar wünschenswert. Denn je mehr wir unsere Gene streuen, desto besser stehen die Chancen für sie. Der Trieb des Menschen von heute unterscheidet sich darin kaum von dem seiner steinzeitlichen Vorfahren.

Vor allem beim Mann ist dies offensichtlich: Er will seinen Samen verbreiten, und das so weit wie möglich. Deshalb schaut er Frauen hinterher, mustert sie und fällt sein Urteil: Zum Sexualverkehr geeignet! Der nächste Schritt ist simpel: Der Mann ergreift die erste beste Gelegenheit, die fremde Frau zu umwerben. Sie will darauf hereinfallen und schon ist es passiert.


Ideen sind gefragt

Was so einfach erscheint, ist in unserer komplexen Gesellschaft eine Wissenschaft für sich. Abgesehen von kriminellen Projekten gibt es kaum einen anderen Anlass, dermaßen einfallsreich und gewitzt die eigene Vorgehensweise zu koordinieren: Da organisiert man kurzfristige Tagungen, macht Überstunden und beste Freunde werden zu Komplizen, die ein falsches Alibi verschaffen.


Traummann gesucht

Der Trieb der Frauen ist anders gelagert – komplizierter und komplementär. Frauen treibt immer noch ein doppeltes Idealbild des Partners um: Er soll sie und ihre Kinder versorgen und beschützen. Das zum Ersten. Aber zum Zweiten: Er soll diese Kinder auch zeugen, und zwar die lebensfähigsten und besten.

Als Menschen noch in Höhlen lebten, erfüllten starke und gesunde Männer beide Erwartungen. Heute ist das – mancher Mann mag froh darüber sein – nicht mehr so: Ernährung und Schutz der Familie sind nicht mehr Sache des Jagdgeschicks und der Kraft, sondern des Geldes. Nicht umsonst verbindet sich Reichtum häufig mit sexueller Ausstrahlung.

Die sozial dominante Beziehung der Frau sichert ihr zweckgebunden eine "solide Basis", in der Realität freilich meist ein Kompromiss: Ein Vermögen wie Dagobert Duck, doch der Körper ist nicht wie der von Brad Pitt (auch fehlt manchmal beides); kurz: Kompromisse sind - das steckt in ihrem Wesen - selten ganz befriedigend.

Selbst wenn ihr Partner sie beschützt und umsorgt, sucht die Frau daher weiter: den "geschickten und gesunden Jäger aus der Steinzeit", den bestmöglichen Vater ihrer Kinder. Deshalb vollziehen die meisten Frauen ihre Seitensprünge während der Tage, an denen sie fruchtbar sind. Experten schätzen, dass etwa jedes zehnte Kind nicht vom Lebenspartner der Mutter stammt.

Es ist ein Spiel, auf welches sich beide Geschlechter seit Jahrmillionen geeinigt haben. Statistiken zufolge gehen etwa 50 Prozent aller Männer und Frauen fremd. Die hohe Zahl überrascht. Aber sie ist eher überraschend niedrig, ist es doch in unseren Trieben unausrottbar verankert, immer mehr oder immer optimaler anmutende Sexualpartner zu suchen. So muss man konsequenterweise fragen: Wie macht es denn die andere Hälfte? Oder besser: Warum macht es die andere Hälfte zeitweise nicht?

Auch hier steckt die Lösung des Rätsels in den Zwängen der Arterhaltung. Ziel des Urtriebs ist es ja, Nachkommen zu zeugen und den Fortbestand der eigenen Gene zu sichern. Ist die Zeugung vollbracht, beginnt eine Zeit notwendiger, zumindest sozialer Monogamie. Der menschliche Nachwuchs ist schließlich nicht von schützenden Instinkten gesteuert. Anders als bei den meisten Tierarten, durchläuft das Menschenkind einen jahrelangen Lernprozess, bis es selbstständig leben kann. Während dieser Zeit müssen Eltern ihre Aufzucht versorgen und behüten.

Ein Kind braucht vor allem soziales Training. Verläuft das erfolgreich, steht die spätere Rolle des Kindes in der Gesellschaft unter einem guten Stern. Kein Vergleich mit dem Küken, das – kaum aus dem Ei geschlüpft – munter in Gemeinschaft seine Körner pickt.


Panik vor Toresschluss

Die meisten Männer gehen im Alter zwischen 40 und 50 fremd. Bis dahin haben sie, wahrscheinlich, ihre Pflicht gegenüber dem Nachwuchs getan. Er ist "aus dem gröbsten raus" und sie können, ihrem Urtrieb folgend, endlich neuen Nachwuchs zeugen. Frauen erlauben sich zwischen 30 und 40 am häufigsten einen Seitensprung: In langen Phasen der Evolution waren dies die letzten Jahre der Fruchtbarkeit. Wenn nicht jetzt, dann nimmer mehr? Dies wohl nicht, doch hätte ein späterer Seitensprung seine instinktiv erspürte, ursprüngliche Bedeutung verloren.

Die Sprache der Natur ist unzweideutig: Der Seitensprung sei die Regel, Treue die Ausnahme! So müsste es sein, wenn wir nur triebgesteuerte Wesen wären. Dass es menschliche Zuneigung, sogar Liebe auf dieser Welt gibt, haben wir in unserem kleinen Exkurs über das Fremdgehen "vergessen". Auch dass jede menschliche Beziehung viele Ebenen hat. Nur dies macht sie spannend. Denn wirklich: "Außerhalb der Naturgesetze" leben wir Menschen ein Stück weit eben doch. Notwendig wird Treue so nicht, aber wenigstens möglich...

Zitierter Artikel
Autor: Jochan Bast
Quelle: http://www.lexi-tv.de/lexikon/thema.asp?InhaltID=1111&Seite=1
Datum des Zitats:02.09.2005

 
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